Zeitzeugin erzählt über den Holocaust

Krystyna Budnicka berichtet im Ehrenberg-Gymnasium Delitzsch über ihre Erlebnisse im Warschauer Ghetto
Von Heike Liesaus

Delitzsch. Sie wirkt sportlich, ist freundlich, zugewandt, aufrecht. Sie ist 87 Jahre alt. Sie wurde in Warschau geboren, in eine jüdische Familie. Der Grund dafür, dass sie als Kind getötet werden sollte. Gestern war Krystyna Budnicka im Delitzscher Gymnasium zu Gast. In der Aula erzählte sie, übersetzt von einer Dolmetscherin, den Schülern der 9. Klassen von ihren Erlebnissen.

Bis zum 1. September 1939 habe sie eine glückliche Kindheit gehabt. Der Vater war angesehener Tischler, es gab sieben Brüder, eine Schwester. Dann der Überfall der faschistischen Armee aus Deutschland auf Polen. das Einrichten des Ghettos, der Zwang den gelben Stern zu tragen. „Eigentlich klingt das nicht schlimm“, stellte die Seniorin fest. Aber es diente dazu, auszugrenzen, herabzuwürdigen. Sie beschrieb die Verstecke, die die Familie aufsuchte. Erst um Haus-Durchsuchungen zu entgehen. Schließlich konnte nur in einem Erdbunker für Monate bis zum Aufstand im Warschauer Ghetto überlebt werden. Doch Verfolgung und Krieg waren nicht zu ende. Brüder wurden verraten, verhaftet, erschossen. Eltern und Schwester schafften den Weg nicht. Krystyna als kleineste und schwächste konnte dank vieler helfender Menschen in mehreren Verstecken überleben.

Sie wurde beim Kampf um Warschau zufällig in die Gruppe eines Waisenhauses eingereiht, wurde später von einer Familie aufgenommen, studierte Pädagogik, arbeitete als Sonderschullehrerin. „Jeder leidet gleich“, sagte sie zum Abschluss. Kein Kind habe es verdient zu sterben. Und sie wundere sich, dass nach all dem schrecklichen Geschehen heute noch Bomben fallen, dass sich Grenzen schließen. Sie ist die einzige, aus ihrer Familie, die überlebte. Und niemand ihrer Nächsten hat ein Grab. Sie habe bis heute nicht richtig trauern und weinen können. Sie denkt, dass sie wohl überlebt hat, um Zeugnis vom damaligen Geschehen abzugeben. Seitdem sie in Rente ist, sei sie in deutschen und polnischen Schulen unterwegs. So wird sie am Ende gefragt, was sie statt Trauer fühlt. Jedenfalls keinen Hass, so die Antwort. „Ich will hier auch nicht klagen, wie schlecht es mir erging, sondern für die Zukunft wirken.“ Sie freute sich, dass die Jugendlichen in der Aula gut zugehört hatten, wünschte ihnen gute Zensuren und schöne Ferien.